Der Hüter der Grabeskirche
TV-Dokumentation
1x 52 min dt. (ORF), 2026
Regie: Florian Höllerl
Ein Muslim bewacht das wichtigste Heiligtum der Christenheit – seit fast 800 Jahren hütet die Familie Nuseibeh die Tore der Grabeskirche in Jerusalem. Doch kann diese einzigartige Tradition fortbestehen, wenn die junge Generation andere Wege gehen will?
Jeden Morgen öffnet der 75-jährige Wahjeed Nuseibeh das schwere Holztor der Grabeskirche. Er begrüßt Geistliche und Pilger aus aller Welt, wacht über Ordnung und Respekt – und schließt das Tor am Abend wieder. Seit über vier Jahrzehnten erfüllt er diese Aufgabe mit Hingabe. Er vermittelt zwischen verfeindeten christlichen Konfessionen, sorgt für einen reibungslosen Ablauf der Feierlichkeiten und ist ein unverzichtbarer Teil des religiösen Lebens in Jerusalem. Eine außergewöhnliche Verantwortung – getragen von einer muslimischen Familie seit der Zeit Saladins im 12. Jahrhundert.
Doch Wahjeed wird älter. Seine Kräfte lassen nach. Ein Nachfolger wird gebraucht – aber wer soll diese Aufgabe übernehmen? Sein Sohn zögert, die jüngeren Familienmitglieder zieht es in die Welt. Moderne Lebensentwürfe, Social Media, neue Perspektiven – auch die traditionsreiche Familie Nuseibeh steht im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Gegenwart. Hinzu kommen die Folgen jahrzehntelanger Konflikte: Viele Angehörige leben längst nicht mehr in Jerusalem.
Die Dokumentation begleitet Wahjeed auf seiner Suche nach einem Nachfolger – eine Reise durch Jerusalem und nach Jericho, zu Söhnen, Cousins, Enkeln und Nichten. Dabei entfaltet sich das vielschichtige Porträt einer Familie, deren Wurzeln bis in die Frühzeit des Islam reichen sollen und die bis heute als Gelehrte, Politiker, Unternehmerinnen und Ärzte großes Ansehen genießt.
Der Film gewährt seltene Einblicke in das muslimische und christliche Leben Jerusalems und zeigt, wie sehr der Nahostkonflikt das Schicksal der Familie geprägt hat: Vertreibung ohne Aussicht auf Rückkehr, aber auch beharrliches Engagement für Dialog, Verständigung und friedliches Miteinander.
„Der Hüter der Grabeskirche“ ist mehr als die Geschichte eines Generationenwechsels. Es ist ein Film über Verantwortung, Identität und den Respekt zwischen Religionen – und über die bewegende Frage, ob eine jahrhundertealte Tradition in unserer Zeit bestehen kann. Ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, dass friedliches Zusammenleben zwischen Religionen und Kulturen möglich ist.